Die Heiligtumsfahrt in Aachen und in Kornelimünster Teil 1

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Die Heiligtumsfahrt in Aachen und in Kornelimünster (1)
Achim Feldmann

"Aus der Überzeugung, dass Gott an bestimmten Orten mehr erfahrbar ist als anderswo, haben sich Menschen aller Religionen und zu allen Zeiten dorthin begeben. Sie sind zur Wallfahrt aufgebrochen und haben aus religiösen Motiven heilige Orte besucht: um dort zu beten, Opfergaben darzubringen, Buße zu verrichten, Gemeinschaft zu erleben, sich dem Heiligen zu nähern und dann mit neuer Kraft wieder in den Alltag zurückzukehren. (...) Wallfahrten haben so Anteil an Grunderfahrungen und Deutungen des menschlichen Daseins: Die Pilgernden erfahren sich in ihren Hoffnungen und Sehnsüchten, ihren Enttäuschungen und Entbehrungen auf dem Weg des Lebens, im Unterwegssein, im Verwiesensein auf Transzendenz. (...) Immer geht es bei der Wallfahrt von Christen, ob sie zu Fuß oder mit Fahrzeugen unterwegs sind, um den Besuch von Stätten der Heilsgeschichte, an denen die Gegenwart Gottes bewusster erfahren wird und ein innerer Prozess von Glaubenserneuerung und Glaubensvertiefung sich vollziehen kann. (...) Die Wallfahrt ist eine ganzheitliche Ausdrucksform des Glaubens, ein 'Glauben mit allen Sinnen'. Als eine Ausprägung der Volksfrömmigkeit bedarf sie immer wieder der Vertiefung, der Reinigung und Erneuerung" (Gotteslob, S. 94-95).

Die Stadt Aachen ist die westlichste Stadt Deutschlands. Sie hat etwa 240.000 Einwohner und ist insbesondere als Lieblingspfalz Karls des Großen, als Krönungsort der deutschen Könige zwischen 936 und 1531, als Sitz der Technischen Hochschule, durch seine Heilquellen und durch das alljährlich stattfindende große Reitturnier CHIO bekannt. Für den katholischen Teil der Bevölkerung hat sie jedoch noch eine weitere Bedeutung: In Aachen findet eine weithin berühmte Wallfahrt, die Heiligtumsfahrt, statt. Dies ist deshalb etwas Besonderes, weil dieses Ereignis nur alle sieben Jahre stattfindet und außerdem diese Wallfahrt eine seit dem Mittelalter praktisch ununterbrochene Tradition aufweist.
Im Mittelalter gingen die Menschen nicht einfach für ihr Vergnügen auf Reisen. Das Verlassen der vertrauten Umgebung brachte oft große Gefahren mit sich. Oft machte man sich in ferne Gebiete nur deshalb auf, um einen heiligen Platz aufzusuchen. Die Motive, eine solche Pilgerreise zu unternehmen, waren vielfältig. Manche gingen, um die Hilfe eines bestimmten Heiligen zu erbitten oder in seinem Heiligtum zu beten. Andere unternahmen die Reise als Dank für eine Heilung oder Rettung aus Gefahr. Auch konnte man losziehen, um durch die Entbehrungen der Reise geläutert zu werden und so 'näher zu Gott' zu kommen. Seit dem 13. Jahrhundert wurden Pilgerreisen auch als Buße auferlegt: der Verurteilte wurde fortgeschickt, einen Pilgerort zu besuchen. Dabei konnte einerseits die Reise eine heilsame Wirkung auf den Verurteilten ausüben, andererseits war die Gemeinschaft den Verurteilten für eine Weile los. Im 14. und 15. Jahrhundert haben sogar weltliche Gerichte eine Aachenfahrt als Buße für einen Totschlag gelten gelassen.
Von Karl dem Großen ist bekannt, dass er - wie viele seiner Zeitgenossen auch - Reliquien schätzte und ehrte. So vermehrte er den von seinen Vorgängern ererbten Reliquienschatz und fügte ihm weitere wichtige Stücke hinzu. Die fränkischen Reichsannalen berichten für das Jahr 799, dass er vom Patriarchen von Jerusalem 'Reliquien vom Orte der Auferstehung des Herrn' erhalten habe. Überliefert sind ferner Reliquienschenkungen von Päpsten und Einlieferungen seiner Gesandtschaften, die Reliquien erwerben und mitbringen konnten. Welche Reliquien es im Einzelnen gewesen sind, kann jedoch mangels zeitgenössischer Verzeichnisse nicht mehr rekonstruiert werden. Der Reliquienschatz am Hofe Karls des Großen erlangte eine solche Bedeutung, dass es als Zeichen besonderer Auszeichnung galt, mit einzelnen Teilen daraus beschenkt zu werden. Kirchen und Abteien wie Prüm, Compiègne, Chartres, Kornelimünster oder Hildesheim verweisen bei ihren Reliquien stolz auf diese Tatsache.

Schon zu Zeiten Karls des Großen zog der Reliquienschatz zahlreiche Pilger an. Die Heiligsprechung Karls des Großen 1165 und die Anfertigung der beiden großen Schreine, des Karlsschreines und des Marienschreines, haben die Bedeutung der Wallfahrt noch vergrößert. Die etwa gleichzeitige Anfertigung solcher wertvoller Schreine etwa in Köln, Maastricht und Xanten setzt eine erheblich vergrößerte Bedeutung der Reliquien und ein Anwachsen der Pilgerströme voraus. Denn erst die Spenden der Pilger ermöglichten den jeweiligen Stiften die Anfertigung solch kostbarer Schreine. "Mittlerweile hatte sich das religiöse Empfinden der Gläubigen geändert. Begnügte sich der Mensch der Romanik damit, die Reliquien in geschlossenen Gehäusen zu verehren, verlangte er im Zeitalter der Gotik danach, diese Unterpfänder des Heils mit eigenen Augen zu schauen." (Wynands: Geschichte, S. 10). 1239 wurden die Reliquien dann in den neugefertigten Marienschrein gebettet. Ob bereits in diesem Jahr eine Reliquienzeigung stattfand, kann nur vermutet werden. Die älteste urkundliche Nachricht über die Zeigung der Aachener Heiligtümer stammt aus dem Jahre 1312. Weitere Belege liegen für die Jahre 1329, 1344 und 1349 vor. Die öffentliche Zeigung der Heiligtümer machten auch Veränderungen am karolingischen Bau der Kirche notwendig, der zum Aufnehmen von großen Pilgermengen nicht geeignet war. Dies ist der Grund für die Errichtung der Chorhalle gewesen, die 1414 nach über fünfzigjähriger Bauzeit eingeweiht wurde. Die Zeigung der Reliquien vom Turm scheint bereits in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts üblich gewesen zu sein. Bedeutend ist die Heiligtumsfahrt von 1349 gewesen, da in diesem Jahr der an das jüdische Jubeljahr erinnernde Sieben-Jahres-Turnus eingeführt wurde, der bis in die Gegenwart beibehalten wurde. Vorher fand die Pilgerfahrt anscheinend in unregelmäßigen Abständen von einem bis fünf Jahren statt. Zeigungen außerhalb dieses Turnus fanden später nur bei Krönungen und hohen Besuchen statt.
Die Zahl Sieben hat seit alters her eine tiefe symbolische Bedeutung. Sie steht für das große Schöpfungswerk Gottes. Bereits in der Bibel hat die Woche sieben Tage, am siebten Tag ist Gottes Werk vollendet. Im Judentum gilt die Sieben als Ausdruck für Vollkommenheit schlechthin. Sieben ist auch die Zahl Marias, der Schutzpatronin des Domes. Bei Jesaias Kapitel 7, Vers 14 steht: "Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären (...)." In der nachbiblischen Überlieferung wurden ihr sieben Schmerzen und sieben Freuden zugeschrieben. Der Marienschrein beinhaltet ebenfalls mehrmals die Zahl Sieben. Zwei Mal sieben Gestalten sitzen auf den Längsseiten des Schreines. Sieben Knäufe zieren die Dachkämme. Passend zu dieser Symbolik wurde als Eröffnungstag der Heiligtumsfahrt der 16. Juli gewählt, der Tag der sieben Brüder im siebten Monat des Jahres. Fortan dauerte die Heiligtumsfahrt sieben Tage vor und sieben Tage nach diesem Datum. Auch die Reliquien weisen eine Siebenzahl auf. Neben den vier großen gibt es vier kleine Heiligtümer, die bei der Heiligtumsfahrt gezeigt werden.

Die vier 'großen' Heiligtümer sind das 'Kleid Mariens', die 'Windeln Jesu', das 'Enthauptungstuch des Johannes' und das 'Lendentuch Christi'. Diese werden im Marienschrein geborgen. Die drei 'kleinen' Heiligtümer sind der 'Gürtel Mariens', der 'Gürtel Christi' und ein 'Geißelstrick'. Diese sind nicht im Marienschrein, sondern jeweils in einem eigenen vergoldeten Schaureliquar aus dem 14. Jahrhundert aufbewahrt. Diese sieben auf Jesus, Maria und Johannes den Täufer bezogenen Reliquien veranschaulichen dem gläubigen Betrachter die Menschwerdung Christi, sein öffentliches Wirken und seinen Erlösungstod. Wissenschaftler, die diese Tuchreliquien untersucht haben, haben ihnen überwiegend eine Herkunft aus antiker Zeit und aus dem Raum des Vorderen Orients bescheinigt. Doch das ist nicht das Entscheidende. Niemand glaubt heutzutage noch ernsthaft, dass es sich um die originalen Reliquien handelt. Sie sollen lediglich Zeichen und Hinweise auf das Heilsgeschehen sein.
Die vier 'großen' Heiligtümer sind das 'Kleid Mariens', die 'Windeln Jesu', das 'Enthauptungstuch des Johannes' und das 'Lendentuch Christi'. Diese werden im Marienschrein geborgen. Die drei 'kleinen' Heiligtümer sind der 'Gürtel Mariens', der 'Gürtel Christi' und ein 'Geißelstrick'. Diese sind nicht im Marienschrein, sondern jeweils in einem eigenen vergoldeten Schaureliquar aus dem 14. Jahrhundert aufbewahrt. Diese sieben auf Jesus, Maria und Johannes den Täufer bezogenen Reliquien veranschaulichen dem gläubigen Betrachter die Menschwerdung Christi, sein öffentliches Wirken und seinen Erlösungstod. Wissenschaftler, die diese Tuchreliquien untersucht haben, haben ihnen überwiegend eine Herkunft aus antiker Zeit und aus dem Raum des Vorderen Orients bescheinigt. Doch das ist nicht das Entscheidende. Niemand glaubt heutzutage noch ernsthaft, dass es sich um die originalen Reliquien handelt. Sie sollen lediglich Zeichen und Hinweise auf das Heilsgeschehen sein.
Während bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts die Wallfahrer vor allem um der Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien die Mühsalen der Wallfahrt auf sich nahmen, rückte seit dem späten 13. Jahrhundert der Erwerb von Ablässen immer deutlicher in den Vordergrund. Schließlich gab es sogar professionelle Wallfahrer, die gegen Bezahlung Pilgerreisen zu Wallfahrtszentren durchführten, um dort für das Seelenheil anderer zu beten. "Durch Jahrhunderte haben diese Stoffstücke frommen Pilgern heilige Schauer beschert. Gläubige vieler Länder und Sprachen zog es nach Aachen. (...) Sie waren Wochen und Monate unterwegs. Zu Fuß, zu Pferd und per Ochsengespann, die Reise womöglich jahrelang vorher geplant, für viele das bedeutendste Ereignis ihres Lebens" (Aachener Nachrichten 24.12.1985, Weihnachtsbeilage S. [2]). 1496 wurden an einem einzigen Tag 142.000 Pilger gezählt - und das bei einer Einwohnerzahl von damals 10.000! Karl IV. (reg. 1346-1378) soll im Jahre 1349 extra den Ablauf der Heiligtumsfahrt abgewartet haben, um den Pilgermassen während seiner Krönung zum Deutschen König zu entgehen. Noch bis ins späte 19. Jahrhundert konnten die Pilger auf den vielen freien Flächen innerhalb der beiden Mauerringe im Freien oder in Zelten übernachten, wenn die Pilgerhäuser nicht reichten. Die Massen bevölkerten vor allem im 14. bis 16. Jahrhundert die Stadt und auch die umliegenden Orte von Maastricht bis Düren. Dieses für das Mittelalter neue Massenphänomen hatte weit reichende Auswirkungen auf Handel, Badewesen, Herbergs- und Fährbetrieb sowie den Straßen- und Brückenbau.
chon im 14. Jahrhundert bedurfte das Öffnen des Marienschreines und die Entnahme der Heiligtümer der Zustimmung der Stadt: sie besitzt für die Heiligtümer ein 'Mitbewahrrecht', das seit 1425 urkundlich verbrieft ist. Demzufolge wird der Marienschrein am Ende einer jeden Heiligtumsfahrt durch ein neues Schloss gesichert, das dann durch Ausgießen mit Blei und Zerbrechen des Schlüssels unbrauchbar gemacht wird. Zur Öffnung des Schreines bei der nächsten Heiligtumsfahrt zerschlägt und zersägt ein Silberschmied in Gegenwart von Domkapitel und Stadtrat den Bügel des Schlosses. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden diese Schlösser auch künstlerisch gestaltet. Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelte sich Aachen zum wichtigsten deutschen Wallfahrtsort. Die Pilgerreisen nach Rom, Santiago de Compostela und Aachen galten als die drei bedeutendsten Wallfahrten in Europa. Durch die Reformation ging die Bedeutung der Aachenfahrt zurück, doch auch der protestantische Stadtrat, der einige Zeit im Besitz der Herrschaft war, legte aus wirtschaftlichen Gründen Wert darauf, die Heiligtumsfahrt zu bewahren.
nfang des 17. Jahrhunderts fand eine erneute Belebung der Wallfahrt durch die Gegenreformation statt. Im Zeitalter der Aufklärung wurde die Heiligtumsfahrt stark kritisiert, 1776 wurde sogar von Kaiser Joseph II. (reg. 1765- 1790) die Wallfahrt der Ungarn ins Rheinland verboten. 1794 wurden die Heiligtümer vor den anrückenden Franzosen jenseits des Rheins in Paderborn in Sicherheit gebracht; erst 1804 kamen sie zurück. Im 19. Jahrhundert erlebte die Heiligtumsfahrt im Zuge der kirchlichen Erneuerung als Folge der Romantik eine neue Blüte, die bis ins 20. Jahrhundert hinein anhielt. Ausgefallen ist die Heiligtumsfahrt nur in den Jahren 1580, 1636, 1797, 1916 und 1944. Die Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg führte zur Verschiebung von 1923 auf die Jahrtausendfeier 1925. Zwischen 1918 und 1922 waren die Heiligtümer wieder nach Paderborn verbracht worden. 1937 war die Heiligtumsfahrt mit über 750.000 Teilnehmern eine eindringliche Demonstration gegen das kirchenfeindliche Regime der Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es durch die vielfältigen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche zu einem Rückgang der Besucherzahlen. 2007 zählte man etwa 90.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auch deswegen konnte seit 1965 auf die Turmzeigung verzichtet werden. Als Auswirkung der Reformen im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde die Reliquienfeier stärker in die Messfeier integriert. Die Dauer der Feier wurde auf zehn Tage begrenzt und der Termin des Kirchweihfestes als Fixpunkt aufgegeben.

Wenn der Pilger seinen Zielort erreicht, die Reliquien besucht und seine Gebete verrichtet oder seine Buße abgeleistet hatte, wollte er eine Erinnerung an die vollbrachte Reise mit nach Hause nehmen. Auch heute noch ist es allgemein üblich, an Wallfahrtsorten Andenken zu kaufen. Davon zeugen die vielen Buden und Läden, die sich um eine Wallfahrtskirche drängen. Dies war in Aachen nicht anders. So entstanden kleine Gemälde, Pilgerfläschchen, Pilgerblätter, Reliquienverzeichnisse, Heiligtumsbüchlein, Fähnchen, Aachhörner, Spiegel und sogar Printenmodel. Sehr oft waren diese Andenken auch metallene Pilgerzeichen. Solch ein Zeichen konnte für den Pilger oft auch mehr sein als nur ein 'Souvenir' oder der Beweis für die Durchführung seiner Pilgerfahrt. Er konnte das Pilgerzeichen auch von einem Priester weihen lassen oder mit seinem Zeichen den Reliquienschrein oder die Heiligtümer berühren. Die Kraft der Reliquien konnte hierdurch in das Pilgerzeichen aufgenommen werden, das dadurch zur 'Berührungsreliquie' wurde. Als Träger der übernatürlichen Kräfte beschützte dieses dann gegen Krankheit und Unheil. Das Pilgerzeichen diente dem Pilger demnach sowohl als Erkennungszeichen wie auch als Amulett. Den Brauch, die Reliquien mit Pilgerzeichen (oder anderen Gegenständen) zu berühren, gibt es auch heute noch. Aus konservatorischen Gründen dürfen die Pilger jedoch nicht selber die Reliquien berühren, sondern dies tut das Aufsichtspersonal für sie. Vielfach sind die Zeichen nicht nur für den Pilger selbst, sondern auch als Mitbringsel für Angehörige und Freunde erworben worden.
Um die vielen Besucher, die meistens nur sehr wenig Geld übrig hatten, mit einem Andenken/Amulett versorgen zu können, war man gezwungen, aus den Pilgerzeichen ein billiges Massenprodukt zu machen. So wurden sie zumeist aus Zinn- oder Bleilegierungen hergestellt. Sie waren billig und durch den niedrigen Schmelzpunkt der Metalle auch recht einfach herzustellen. Auch andere Metalle wurden genutzt, wie Bronze, Silber, vergoldetes Silber oder sogar Gold. Diese waren aber nur für die begüterteren Pilger gedacht und dementsprechend sehr viel seltener. Die spätmittelalterlichen Pilgerzeichen waren einseitig, durchbrochen gearbeitet und häufig figürlich, das heißt sie gaben in ihren Umrissen die Gestalt des verehrten Heiligen oder Objekts wieder. Texte waren nicht angebracht. In Aachen war die übliche Darstellung ein kreisförmiger Rahmen mit vier Ösen zum Befestigen an Gewand oder Pilgerhut. Im Innern des Rahmens erschienen fast immer Szenen aus dem Marienleben, zumeist mit dem von zwei Klerikern gehaltenen Kleid Mariens als dem in der Form charakteristischsten der Aachener Heiligtümer. Eine Turmarchitektur oberhalb des Rahmens zeigte eine Kreuzigungsgruppe, hin und wieder auch das Haupt Christi oder das Kleid Mariens.
In Aachen war die Herstellung der silbernen und goldenen Pilgerzeichen normalerweise der Zunft der Goldschmiede vorbehalten, während das Gießen der billigen Zinn-Blei-Zeichen in den Händen der Spiegelmacher-Zunft lag. Man kann hier von einer wahren Industrie sprechen; aber selbst die spezialisierten Zünfte konnten die große Nachfrage des Massen-Pilgerstroms nicht decken. So waren während der Heiligtumsfahrt, also alle sieben Jahre, gemäß einer Erlaubnis des Stadtrates die strengen Zunftregeln derart gelockert, dass zwischen Ostern und dem Remigiustag (1. Oktober) jedermann - selbst Auswärtigen - Herstellung und Verkauf aller Arten von Devotionalien erlaubt war. Beliebt waren auch speziell angefertigte Pilgerzeichen mit einem eingearbeiteten Spiegel. Kleine Spiegel waren insbesondere in Pilgerorten mit einem sehr großen Menschenzulauf, wie etwa auch Aachen, schon länger eingesetzt worden. So konnte man in der Menschenmenge den Spiegel hochhalten und einen Blick auf die Reliquien 'erhaschen'. Daraus entwickelte sich dann der Glaube, dass man das Bild der Reliquien in diesem Spiegel 'einfangen' könnte, um deren Ausstrahlung buchstäblich mit den Händen fassen zu können. Dann war auch etwas von deren Heilkraft in ihrem Widerschein eingefangen, und man war gestärkt, wenn man die Spiegel später wieder ansah. (Die moderne Variante von heute ist das Hochhalten des fotografierfähigen Handys, quasi als moderner Spiegelersatz.) Der Markt der Pilgerzeichen sprang hier sehr schnell auf den Zug auf, indem man die Spiegel in die traditionellen gegossenen Pilgerzeichen einmontierte, die hierdurch eine doppelte Bedeutung erhielten.
Als billige und oft primitive Massenprodukte sind die Pilgerzeichen in der kunst- und kulturhistorischen Wissenschaft lange Zeit vernachlässigt worden. Nur sehr langsam hat sich dies verändert. Die ersten Ansätze zum Studium der Zeichen hat es in den 1860er-Jahren gegeben. Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Interesse für diese alltäglichen und unansehnlichen Dinge gewachsen, insbesondere unter dem Einfluss der archäologischen Stadtkernuntersuchungen. Pilgerzeichen sind eine wichtige Informationsquelle für die Praxis des Pilgerns und auch für die räumlichen Einzugsbereiche bestimmter Pilgerorte. So ist etwa in Aachen selbst bisher anscheinend nur ein einziges Exemplar bei Ausgrabungen gefunden worden. Dagegen sind sehr viele Stücke in anderen Städten, so etwa gehäuft in den Niederlanden und in Brandenburg, zutage getreten.
Die Pilgerzeichen verursachen jedoch auch spezielle Probleme für die Untersuchung und Interpretation. Teilweise ist die Zuordnung der einzelnen Stücke zu Aachen oder einen anderen Wallfahrtsort dadurch erschwert, dass die Darstellung der Reliquien nicht deutlich und eindeutig genug ist. So sind vielfach Verwechslungen der Darstellung des Marienkleides mit derjenigen des Heiligen Rocks aus Trier vorgekommen. Hier hilft nur eine genaue zeitliche und stilistische Analyse, um solche Fehler auszuschließen.
Schwierigkeiten macht natürlich insbesondere die Datierung. Hilfe bieten hierbei die archäologischen Fundumstände, schriftliche Quellen wie Kirchenrechnungen und Reiseberichte, aber zum Beispiel auch Hausgerät und Glocken. Oftmals sind Pilgerzeichen auf Glocken angebracht oder mit eingegossen worden, überdurchschnittlich viele übrigens in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Viele der Pilgerzeichen sind nur auf diese Weise überliefert worden. Die Glockengießer des Mittelalters hatten noch nicht die Kunst gelernt, in die Glockenform bildliche Darstellungen hineinzumodellieren. Um dennoch den Glockenmantel abwechslungsreicher zu gestalten, schmolzen sie kleine Gegenstände wie Knöpfe und Münzen - oder eben Pilgerzeichen -, bei denen die Härte des Metalls gegenüber der flüssigen Glockenspeise standzuhalten vermochte, in den Mantel ein. Dies geschah jedoch nicht nur aus dekorativ-praktischen Gründen, sondern ebenso gut aus religiösen. Die spezielle Kraft der Zeichen sollte auf die Gebrauchsgegenstände übergehen. Von diesen Gegenständen oder Glocken ist das Jahr der Herstellung oft bekannt, so dass damit indirekt auch Indizien für die Datierung der Pilgerzeichen mitgegeben werden. Auf Glocken des 14. und 15. Jahrhunderts sind inzwischen über 90 Abgüsse von Aachener Pilgerzeichen ermittelt worden (Lepie: Aachenfahrt, S. 90). Später wurden die metallenen Pilgerabzeichen kleiner und unscheinbarer. Im 17. Jahrhundert gab es auch einseitig in Brakteatenform geprägte Anhänger aus dünnem Silberblech. Die heute übliche geschlossene Rundform löste in Aachen seit dem 16. Jahrhundert die älteren Typen ab. Das älteste bekannte Stück in dieser Form war aus Blei und zweifach gelocht, damit es der Pilger an Hut oder Mantel anheften konnte. Die Herstellung der Medaillen geschah durch Guss oder durch Prägung. Auch die frühen Medaillen sind als Glockenschmuck verwendet worden.
b dem 17. Jahrhundert wurden die Medaillen sehr viel häufiger hergestellt, jetzt vor allem aus Bronze oder Messing, aber auch aus Weißmetall und Silber, seit Anfang des 20. Jahrhunderts dann ebenfalls aus Aluminium. Zinn oder Blei kamen nur noch sehr selten vor. Die erste datierte Aachener Wallfahrtsmedaille, eine achteckige Messingklippe, stammt aus dem Jahre 1699. Im 18. Jahrhundert war die ovale oder achteckige Form vorherrschend. Alle Medaillen waren tragbar; vielfach wurden sie auch an einem Halskettchen als Schmuck getragen. Erst seit 1846 wurden auch nichttragbare Medaillen - also reine Erinnerungsstücke - hergestellt. Ende des 19. Jahrhunderts kamen dann auch die ersten Sammler auf.
Im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert wurden die Wallfahrtsmedaillen zum Teil nicht mehr am Wallfahrtsort selbst angefertigt, sondern von auswärts bezogen. Davon zeugen Signaturen bekannter süddeutscher und österreichischer Stempelschneider. Heute liegt die Herstellung der Wallfahrtsmedaillen in den Händen einiger großer Prägeanstalten und Devotionalienfabriken, etwa Schweizer in Dießen am Ammersee (seit 1743) oder Carl Poellath in Schrobenhausen (seit 1778), später dann Heinrich Kissing in Menden (seit 1850) und Josef Vorfeld in Kevelaer (seit 1911). Diese Betriebe, die zunächst für die Wallfahrtsorte ihrer Umgebung arbeiteten, weiteten die Fabrikation ihrer Artikel im 19. Jahrhundert über den regionalen Bereich hinaus aus.
Viele Medaillen stellen das Kleid Mariens als das von der Form her spektakulärste der Reliquien dar. Die anderen Heiligtümer werden einzeln nicht dargestellt; die meisten Stücke zeigen alle vier großen Heiligtümer. Auf der anderen Seite werden meistens der Dom im jeweiligen baulichen Zustand, die Gottesmutter Maria oder Karl der Große abgebildet. Auf die originalgetreue und vollständige Wiedergabe der verehrten Gegenstände wurde teilweise wenig Wert gelegt. Alle Heiligtümer sind stets auseinandergefaltet dargestellt worden; erst seit 1804 werden drei der vier Heiligtümer als längliche Pakete gezeigt. Daneben bestand aber auch die alte Darstellungsweise noch weiter, oder zwei Heiligtümer (Kleid Mariens, Windeln Jesu) sind entfaltet, die anderen verpackt. Im 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert war die häufigste Darstellung die Anordnung in vier Medaillons, die oval, rund oder auch viereckig sein konnten. Ab 1846 wurde eine neue Darstellung gefunden, ein Kreuz mit den vier Heiligtümern in den Winkeln. Diese können am Kreuz befestigt sein oder auch frei im Raum 'schweben'. Auch an dieser Darstellungsform wurde wieder recht lange festgehalten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch ein oder zwei Engel mit dem Kleid Mariens oder die vier Heiligtümer im gotischen Vierpass gezeigt. 1937 wurde erstmals ein offizielles Wallfahrtsabzeichen durch das Domkapitel ausgegeben.
Pilgerzeichen und Medaillen zur Heiligtumsfahrt in Aachen werden bei Erwin Thyssen 1910 (S. 255-273), bei Julius Menadier 1913-1914 (S. 259-268), Heinrich Schiffers 1930 (S. 137-150) und Ursula Hagen 1973 (S. 75-107 mit Taf. 1-4), Ursula Hagen-Jahnke 1981 (S. 99), in der Sammlung Busso Peus 1982 (S. 96-98, Nrn. 1471-1497) sowie in den beiden Büchern von Peter Rong 2000 und 2007 in unterschiedlicher Ausführlichkeit behandelt.